Gegenseitige Vorurteile – humorlose Deutsche und faule Griechen

„Deutschland – da fallen mir als erstes Bier, Weißwürste und Hitler ein.“ , sagt mir ein griechischer Mann Mitte 40, auf der Straße zu meiner Fragen, was er über Deutschland denke. Mich interessiert, welche Vorurteile es über Deutsche in Griechenland gibt. Schließlich liest man in Deutschland in der Bildzeitung regelmäßig über die Korruption in Griechenland und in der Kneipe hört man immer von den faulen Griechen, die anstatt den ganzen Tag Ouzo zu trinken mal lieber mehr arbeiten sollten, damit wir Deutschen ihnen nicht auch noch ihr Schmarotzertum bezahlen müssten. Da ist es schon interessant auch mal die andere Seite an Vorurteilen zu sehen.
Hier habe ich an Klischees vor allem gehört, dass Deutsche einen Stock im Arsch haben, sehr geizig und kühl sind und man mit ihnen kein Spaß haben könne. Von anderen höre ich, dass Deutsche sehr gebildet seien, weil sie so gute Schulen haben. Aber auch politisch gesehen gibt es hier Meinungen über Deutschland. Eine Frau erzählt mir, dass die Merkel, eine tolle Frau sei, die ihre Politik konkret durchsetzt und Deutschland deswegen ein so gutes Bildungssystem und eine zufriedene Bevölkerung habe.
Leider wissen wir, dass die Realität ein bisschen anders aussieht: Wenn man sich anschaut, dass in Deutschland jährlich knapp eine halbe Million Ausbildungsplätze fehlen, zu wenige Lehrer gibt und mehr als 12 Millionen in Deutschland von Armut bedroht sind, auch wenn die Unternehmen Profite noch und nöcher machen, ergibt sich ein anderes Bild.
Ein kritischeres Bild von Deutschland hat ein junger Grieche, den ich auf der Straße vor unserem Hotel treffe: „Die deutsche Politik ist durch ihre erbarmungslose Sparpolitik an der schlechten Situation des griechischen Volkes schuld, an der großen Arbeitslosigkeit und dem fast schon Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems. Dabei ist das Geld doch da. Die Rüstungsunternehmen Deutschlands machen so viel Umsatz und verkaufen viele Waffen an den griechischen Staat, welche nie unserer Bevölkerung zu Gute kommen werden. Die Regierung Deutschlands ist zu strikt und Merkel hat eine sehr negative Ausstrahlung“. Natürlich geht es in Wirklichkeit nicht um die persönliche Ausstrahlung von Merkel und auch nicht darum, dass sie einfach „zu strikt“ ist. Es geht darum, dass Merkel und ihr Kabinett konsequente und erfolgreiche Vertreter der Interessen der Großkonzerne sind und dass das für die allermeisten Menschen in Deutschland und Europa nichts Gutes bedeutet.

Dass Griechen faul sind, ist ein unhaltbares Vorurteil. Ganz im Gegenteil, viele Griechen und Griechinnen arbeiten in mehreren Jobs gleichzeitig und nehmen jeden möglichen Job an, nur um ihre Familien über Wasser zu halten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit war schon vor der Krise höher als in Deutschland. Ich kenne umgekehrt auch sehr viele Deutsche, die weder langweilig noch spießig sind. Viele Vorurteile sind natürlich manchmal auch witzig und eine gute Vorlage für flache Witze. Außerdem ist es einfach über die faulen Griechen zu reden, wenn man mit 3 Promille in der Kneipe sitzt und gerne viele Zuhörer haben will.
Aber Vorurteile sind gleichzeitig nicht nur dumm, sondern sie können auch uns ganz objektiv in Deutschland schaden. Wenn für uns als arbeitende und lernende Jugend der Hauptfeind der faule Grieche wird, dann vergessen wir die wirklichen Verursacher unserer Probleme in Deutschland (wie z.B. kaputte Schulen, fehlende Lehrer, niedrige Löhne, die Schließung von Jugendzentren und der Abbau von kulturellen Angeboten). Denn während wir mit Bildungsabbau und schlechten Ausbildungsbedingungen zu kämpfen haben, machte z.B. der Rüstungskonzern Thyssen-Krupp 269 Milliarden reinen Gewinn und verkauft die Waffen an denselben Staat, der mit seinen Kriegen vielen anderen Konzernen Absatzmärkte und Rohstoffe sichert. Gleichzeitig wird es toleriert, dass Rüstungskonzerne an reaktionäre Diktaturen wie Saudi-Arabien oder Katar Waffen liefern, die diese an den IS weiter verkaufen.

Ähnliche Probleme hat auch die arbeitende und lernende Jugend in Griechenland und seine werktätige Bevölkerung allgemein. Denn während Griechenland in der Krise ist, machen einige große Konzerne in Griechenland fette Gewinne. Die Säuglingssterblichkeit und die Suizidrate nehmen gleichzeitig zu, weil das Gesundheitssystem am Boden liegt und viele Menschen keinen anderen Ausweg mehr wissen als sich das Leben zu nehmen.
Natürlich ist der kapitalistische griechische Staat korrupt, denn es gibt keinen Kapitalismus ohne private Bereicherung der Herrschenden – egal ob auf illegalem oder legalem Weg. Aber zur Korruption gehören auch immer zwei Seiten: An den großen Korruptionsfällen in Griechenland haben gerade deutsche Konzerne wie Siemens besonders oft verdient.
Wir dürfen uns nicht in Grieche oder Deutscher spalten lassen, denn nicht die Griechen haben unser Geld, sondern die Konzerne, die Gewinne machen und aus unseren schlechten Arbeitsbedingungen profitieren. Ein Großteil des Geldes, das im Rahmen der sogenannten „Rettungspakete“ an den griechischen Staat verliehen wurde, hat dieser als Zinsen oder Schuldentilgung wieder an die Banken, darunter auch die deutschen Banken, zurücküberwiesen.